Diskurse der Entgrenzung zwischen nationaler Inszenierung und transnationalem Film seit 1945
Innereuropäische (Ko-)Produktionen und Genrefilme stellten bis in die 1970er Jahre den maßgeblichen Anteil der in ihren Ursprungsländern tatsächlich konsumierten Filme. Dennoch gilt Populärkino in weiten Teilen der Filmwissenschaft als exklusive Domäne der US-amerikanischen Filmindustrie. Diesem Bias folgend blieben die Traditionen des europäischen Populärfilms bis auf Einzelaspekte unerforscht. Das Projekt Trans/Nationaler Populärfilm in Westeuropa soll Pionierarbeit zu diesem ignorierten Abschnitt spezifisch europäischer Mediengeschichte und der in ihr verborgenen Diskursgeschichte leisten. Im Zentrum des Forschungsprojekts steht die Analyse transnationaler Diskurse, die anhand eines Vergleichs und der Darstellung der Interaktionen der drei europäischen Schlüsselkinematografien Frankreich, Italien und (West-)Deutschland erfolgen soll. Das Ziel ist es, eine Neuausrichtung der filmhistorischen Darstellung des europäischen Films zu initiieren.
Trotz seiner hohen Diversität besaßen die Genreproduktionen dieser Filmindustrien eine narrative und stilistische Kohärenz, die die Bezeichnung „westeuropäischer Populärfilm“ rechtfertigt. Diese Filme zeichnen sich durch ein hohes Maß an ausgestellter Inter- und Intramedialität aus, die sie deutlich vom primär auf Illusionierung abzielenden Hollywoodkino abgrenzen. Ein Teil des Vergnügens der Rezipienten europäischer Populärfilme begründete sich gerade in ihrer ausgestellten Künstlichkeit und ihrem postnationalen Gestus. Die Permeabilität westeuropäischer Grenzen im Spielfilm belegen z. B. der in einem imaginären England angesiedelte bundesdeutsche Edgar-Wallace-Produktionszyklus, die italienisch-europäisch koproduzierten „Spaghetti“-Western, die europäische Touristenattraktionen ausstellende italienisch-französischen Agententhriller sowie pan-europäisch tätige Stars wie Christopher Lee, Alain Delon, Sophia Loren oder Brigitte Bardot.
Ausgehend von einem medienarchäologischen Ansatz werden nicht nur für die zeitgenössische Rezeption saliente Diskurse, sondern auch spezifische diskursive Strategien freigelegt. Das Forschungsprojekt analysiert dazu den freien Zugriff dieser Filmproduktionen auf Zeichen, Texte und Figuren der „legitimen“ Kultur, der internationalen Filmgeschichte sowie populärer Texte ihrer Entstehungszeit, ihre filmische Reterritorialisierung, „Nationalisierung“ oder „Europäisierung“. Diese Prozesse werden u. a. an repräsentativen Genrezyklen, Stars, Raumkonzepten sowie Intermedialitätsaspekten herausgearbeitet. Ebenfalls einzubeziehende außerfilmische Faktoren sind etwa die Ausbildung einer Tourismusindustrie, die Intensivierung von Migrationsbewegungen und der wirtschaftlich-politische Aufstieg der europäischen Gemeinschaftsprojekte ab den 1950er Jahren. Die durch Film katalysierten Prozesse der Identitätskonstitution in Westeuropa und dem nach 1989 erweiterten Europa werden somit auf ökonomischer, politisch-legislativer, soziokultureller sowie auf formalästhetischer Ebene in ihrer Bandbreite deutlich gemacht.
Alex Zahlten, Harald Steinwender
Inneruniversitäre Forschungsförderung durch die Universität Mainz
zwischen nationaler Inszenierung und transnationalem Film seit 1945
im Rahmen der Inneruniversitären Forschungsförderung
Innereuropäische (Ko-)Produktionen und Genrefilme stellten bis in die 1970er Jahre den maßgeblichen Anteil der in ihren Ursprungsländern tatsächlich konsumierten Filme. Dennoch gilt Populärkino in weiten Teilen der Filmwissenschaft als exklusive Domäne der US-amerikanischen Filmindustrie. Diesem Bias folgend blieben die Traditionen des europäischen Populärfilms bis auf Einzelaspekte unerforscht. Das Projekt Trans/Nationaler Populärfilm in Westeuropa soll Pionierarbeit zu diesem ignorierten Abschnitt spezifisch europäischer Mediengeschichte und der in ihr verborgenen Diskursgeschichte leisten. Im Zentrum des Forschungsprojekts steht die Analyse transnationaler Diskurse, die anhand eines Vergleichs und der Darstellung der Interaktionen der drei europäischen Schlüsselkinematografien Frankreich, Italien und (West-)Deutschland erfolgen soll. Ziel ist es, eine Neuausrichtung der filmhistorischen Darstellung des europäischen Films zu initiieren.
Trotz seiner hohen Diversität besaßen die Genreproduktionen dieser Filmindustrien eine narrative und stilistische Kohärenz, die die Bezeichnung „westeuropäischer Populärfilm“ rechtfertigt. Diese Filme zeichnen sich durch ein hohes Maß an ausgestellter Inter- und Intramedialität aus, die sie deutlich vom primär auf Illusionierung abzielenden Hollywoodkino abgrenzen. Ein Teil des Vergnügens der Rezipienten europäischer Populärfilme begründete sich gerade in ihrer ausgestellten Künstlichkeit und ihrem postnationalen Gestus. Die Permeabilität westeuropäischer Grenzen im Spielfilm belegen z. B. der in einem imaginären England angesiedelte bundesdeutsche Edgar-Wallace-Produktionszyklus, die italienisch-europäisch koproduzierten „Spaghetti“-Western, die europäische Touristenattraktionen ausstellende italienisch-französischen Agententhriller sowie pan-europäisch tätige Stars wie Christopher Lee, Alain Delon, Sophia Loren oder Brigitte Bardot.
Ausgehend von einem medienarchäologischen Ansatz werden nicht nur für die zeitgenössische Rezeption saliente Diskurse, sondern auch spezifische diskursive Strategien freigelegt. Das Forschungsprojekt analysiert dazu den freien Zugriff dieser Filmproduktionen auf Zeichen, Texte und Figuren der „legitimen“ Kultur, der internationalen Filmgeschichte sowie populärer Texte ihrer Entstehungszeit, ihre filmische Reterritorialisierung, „Nationalisierung“ oder „Europäisierung“. Diese Prozesse werden u. a. an repräsentativen Genrezyklen, Stars, Raumkonzepten sowie Intermedialitätsaspekten herausgearbeitet. Ebenfalls einzubeziehende außerfilmische Faktoren sind etwa die Ausbildung einer Tourismusindustrie, die Intensivierung von Migrationsbewegungen und der wirtschaftlich-politische Aufstieg der europäischen Gemeinschaftsprojekte ab den 1950er Jahren. Die durch Film katalysierten Prozesse der Identitätskonstitution in Westeuropa und dem nach 1989 erweiterten Europa werden somit auf ökonomischer, politisch-legislativer, soziokultureller sowie auf formalästhetischer Ebene in ihrer Bandbreite deutlich gemacht.
Alex Zahlten, Harald Steinwender